Zitat:
Ein Irrtum ist, erst "5 vor 12" mit der Agitation und Propaganda im großen Stil beginnen zu wollen
Na dann bin ich ja beruhigt, denn diesen Irrtum teile ich nicht. Ich habe auch nie etwas in der Art behauptet. Ich erwarte eigentlich von Leuten, die mit mir diskutieren, daß sie meine Texte genauso gründlich lesen wie ich ihre.
Zitat:
Die Revolution findet weder ausschließlich noch überwiegend theoretisch statt noch wird sie ausschließlich oder überwiegend theoretisch vorbereitet.
Auch zu diesem Satz gilt zunächst, daß es unnötig ist, Ansichten zu widerlegen, die ich nicht geäußert habe. Es reicht vollkommen aus, wenn du die Ansichten kritisierst, die ich niedergeschrieben habe. Von "auschließlich" ist bei mir nämlich nirgends die Rede. Auch nehme ich eine solche Trennung von Theorie und Praxis nicht vor. Indem ich beispielsweise eine Rede halte, leiste ich praktische Arbeit. Aber der Inhalt der Rede ist das Ergebnis theoretischer Arbeit. Im Grunde ist jede praktische Tätigkeit, wenn sie nicht direkte Gewalthandlung ist, die Äußerung von Theorie. Das gilt für das Reden auf Versammlungen oder Kundgebungen, für das Schreiben von Flugblättern oder Artikeln, für das Agitieren auf der Straße, für Fernsehauftritte oder das Abhalten theoretischer Seminare.
Theorie und Praxis besitzen ein eigentümliches Verhältnis. Es ist nicht möglich, einer der beiden das Primat zu verleihen, das heißt, eine Rangordnung zu erstellen. Es kommt mehr darauf an, daß man ihr Verhältnis zueinander - so wie es ist - begreift. Die Theorie ist die Widerspiegelung des Seins im Bewußtsein. Die Praxis ist der vom Bewußtsein gesteuerte Griff in das Dasein. Nur in der Praxis läßt sich schließlich die Welt verändern. Um aber die Welt zum besseren zu verändern, muß man sie erst einmal begriffen haben. Die Theorie steht eben am Anfang, sie ist die Voraussetzung für die Praxis. Eine Theorie ohne Praxis ist bekanntlich immer noch eine Theorie. Eine Praxis ohne Theorie ist aber keine Praxis. Denn es kommt ja bei der Praxis maßgeblich darauf an, was ich tue. Es ist ja doch ein erheblicher Unterschied, ob ich den Leuten erzählte, es käme darauf an, die Ausländer aus dem Land zu jagen oder ob ich ihnen erzählte, die Enteignung des Industriekapitals wäre die Voraussetzung für die Lösung unserer Probleme. Es folgt also die Praxis aus der Theorie und tritt sodann in einen Wechselwirkung mit ihr, weil natürlich die Analyse anhand der Erfahrungen mit der Wirklichkeit immer wieder überprüft werden muß. Ferner muß im revolutionären Zusammenhang eine unangenehme, aber notwendige Arbeit geleistet werden: Die Theorie muß popularisiert (d.i. mehrheitsfähig) werden. Sie muß so modifiziert werden, daß sie allgemein verstanden werden kann. Dabei soll sie nicht ihrer Wesenzüge beraubt werden, wenngleich sie natürlich durch die dann fällige Vereinfachung und Erstarrung enorm an Tiefe verliert. Kurzum, aus einer Theorie wird eine Ideologie. Und genau das ist die Voraussetzung dafür, daß sie massenhaft rezipierbar wird. Diese Arbeit haben Engels und Stalin, jeweils mit Marxismus und Leninismus, geleistet. Und auch bei dieser Arbeit ist wieder der Kopf das hauptsächliche Werkzeug, das die Voraussetzung für die praktische Anwendung schafft.
Es ist ganz kindisch, die Praxis der Theorie entgegenzustellen, weil das gar kein gleichartiges Verhältnis wäre. Die Frage "Wer von euch beiden ist denn nun der ältere?" stellt man Brüdern. Bei einem Vater und seinem Sohne stellt man die Frage nicht, weil das Familienverhältnis selbst schon den Altersunterschied ausdrückt. Und genauso verhält sich das mit der Threorie und der Praxis.
Zitat:
GERADE WEGEN des derzeit lausigen Klassenbewußtseins des Proletariats ist die Aufklärungs- und Organisationsarbeit JETZT vordringlich.
Das ist - allerdings ein liebenswerter - Irrtum. Das Bewußtsein ist - wie wir ja wissen - im starken Maße vom Sein abhängig. Wenn es also um das politische Bewußtsein der Arbeiter so bestellt ist wie heute, dann liegt die Ursache dafür vor allem in ihrer objektiven Lage, d.h. in den gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen wir uns alle miteinander befinden.
Ich mache die Ursachen an zwei Stellen aus:
1. die gesellschaftliche Basis betreffend: Der Arbeiter lebt nach wie vor in einem Wohlstand, der weit über dem liegt, was man sonst in der Welt Armut nennt. Das beeinflußt freilich sein Denken. Davon ist auch der Teil des Proletariats betroffen, der hierzulande bereits in Armut lebt, bzw. gegenwärtig dorthin gebracht werden soll - Pauperismus: also die Hartzler, wie ich sie mal nennen will. Auch die Hartzler sind noch reich genug, um nicht umgehend Revolution machen zu müssen. Im Grunde stecken sie in derselben Lage wie die Proletarier, dennoch ist die Teilung zwischen Proletarier und Hartzler wichtig, denn sie stabilisiert die herrschenden Verhältnisse zusätzlich. Zum einen wegen des bekannten "Teile-und-herrsche"-Prinzips. "Wenigstens geht es mir nicht so dreckig wie dem dort." Oder noch mieser: "Den da müssen mir mit durchfüttern". Der andere Mechanismus ist weit weniger bekannt, weil er auch einen peinlichen Umstand enthält. Indem das Kapital diejenigen Arbeiter, die fleißiger sind, die größere Fahigkeiten und weniger Schwächen haben, nach oben hebt, sorgt es dafür, daß unten - also dort, wo der soziale Aufruhr für gewöhnlich ansetzt - vorwiegend Menschen vorhanden sind, die - aus welchen Gründen immer - faul, unfähig und labil sind. Nicht alle Hartzler sind so, aber wenn ich auf das Sozialamt gehe, dann verdeutlicht sich mir, daß man mit diesen Menschen allein nichts bewegen kann. Es geht mir auch nicht darum, den Hartzlern die Schuld an ihrer Lage zuzuschieben. Es geht um den objektiven Prozeß; nämlich, daß es folgerichtig ist, daß bei einer Auslese zuerst die Schwachen durch das Rost fallen und das folglich diejenigen Proletarier, die wir wegen ihrer größeren Fähigkeiten dringend bräuchten, uns fehlen, weil ihre wirtschaftliche Lage sie begünstigt. Die Geteiltheit des Proletariats jedenfalls war zu Marxens Zeiten nicht gegeben und auch zu Lenins Zeiten nicht. Damals war das Proletariat ganz einheitlich in seiner Lage der Armut.
Solange die von mir beschriebenen Umstände sich nicht ändern, wird sich die politische Lage nicht zu unserem Gunsten ändern. Daran ändert dann auch keine noch so intensive Straßenagitation etwas.
2. den gesellschaftlichen Überbau betreffend: Die modernen Medien haben es geschafft, daß Volk an seine PCs und Fernsehbildschirme zu fesseln. Der Mensch ist - und das ist die verrückte Wahrheit - im Zeitalter der modernen Kommunikation isolierter denn je. Seine Meinungsbildung erfolgt praktisch ausschließlich über die Kanäle der Medien. Diese haben es geschafft, den Großteil der sonstigen menschlichen Verkehrsformen zu ersetzen. Fast alle Menschen, die wir heute auf der Straße treffen, sind einer massiven Gehirnwäsche unterzogen worden und haben keine Aussischt, diesem Einfluß zu entfliehen. Es ist sicherlich verheerend für das Bewußtsein der Leute, wenn die BILD-Zeitung ihnen täglich mitteilt, daß nicht der Kapitalist, der großen Reichtum, der aus fremder Arbeit kommt, bei sich anhäuft, auf Kosten andere lebe, sondern der Ausländer oder der Sozialhilfeempfänger. Aber noch weit verheerender als die Wirkung der direkten Propaganda ist die Wirkung der indirekten, also das tägliche "Big Brother", "Oliver Geissen", "DSDS" und wie der Käse sonst noch heißt. Hier wird den Leuten nicht erzählt, dies und das sei so und so. Hier packt man das Problem an der Wurzel, hier wird den Leuten einfach das Denken abgewöhnt. Ein Volk, dem man das Denken abgewöhnt hat, braucht nicht unterdrückt zu werden. So in etwa steht es bei Aristoteles und der kannte die modernen Medien noch nicht einmal. Bei Peter Hacks steht indessen: "Ein Land, das Medien hat, braucht keine Zensur." Das ist der nämliche Satz, nur eben ins 20. Jahrhundert verbracht.
Die Wirkung, die die Medien ausüben, ist gewaltig. Der Durchschnittsdresdener trifft Torsten 0,5 mal im Jahr. Die meiste Zeit verbringt er aber damit, sich verblöden zu lassen. Das ist ein Kräfteverhältnis wie es eindeutiger zugunsten des Medienapparsts nicht sein kann. Die herkömmliche "Aufklärungs- und Organisationsarbeit" versagt vor den neuen Phänomenen. Organisationsarbeit, nebenbeigesagt, kann man nur betreiben, wenn man etwas zu organisieren hat. Es gibt nach meiner Ansicht zur Zeit nicht eine kommunistische Partei, die zum Klassenkampf taugt, - nicht eine! Und an dieser Tatsache werden die oben von mir skizzierten Problem wohl kaum ganz unschuldig sein.
In deinem Satz, den ich oben zitiert habe, konstruierst du eine Kausalität, die überhaupt nicht existiert. Beide Ursachenkomplexe, die ich zu beschreiben versucht habe, sind obkjektiv gegeben. Weder werden sie dadurch stärker, daß einer die Playstation benutzt, noch werden sie schwächer, wenn einer sich auf der Straße den Mund fusselig redet. Bekanntlich kann ein Problem nur gelöst werden, indem man seine Ursache beseitigt.
Um es mal zu versinnlichen: Wir stehen vor einem brennenden Haus. Wir haben zwei Eimer und einen Brunnen. Der Brunnen jedoch funktioniert nicht, er ist verstopft. Ich schlage vor, zunächst die Verstopfung zu beseitigen, damit zum Zwecke Wasser fließe. Du schlägst vor, weiter mit den leeren Eimern zum Haus zu rennen und die Zahl Löschgänge zu erhöhen. Ich halte dir entgegen, daß man mit leeren Eimern kein Hau löschen kann. Du entgegnest mir: "GERADE WEGEN des geringen Wassergehalts der Eimer ist eine Verdopplung der Löschgänge JETZT vordringlich."
Mit diesem Sinnbild ist zu deiner Äußerung praktisch alles gesagt, wenn du nicht die Angewohnheit hättest, anderen Leuten zu unterstellen, sie wollten dir deine Freizeitbeschäftigung ausreden. Es geht wie gesagt nicht darum, daß man nicht Agitieren soll. Es wird ja auch gemacht. Du machst es, Daniel macht es. Ich mache es auch - auf meine Weise und an meinen Orten. Nicht die Anderen waren es, die dir etwas verbieten wollten. Du, lieber Torsten, hast hier andere Leute beleidigt mit vollkommen überzogenen und überhaupt ziemlich platten Beschimpfungen. Du hast behautpet, daß sich jeder zum Hilfsfaschisten mache, der nicht deinen ganz persönlichen Irrtum teilt. Du hast deine ganz persönlichen Lebensregeln zum Maß aller Dinge erhoben.