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Ruhig Blut, hier wird keiner erschossen. Und wenn du beim Lesen auch meiner Texte etwas mehr Sorgfalt hättest walten lassen, könntest du mir nicht unterstellen, daß ich deine Herangehensweise abwerte. Gerade das Gegenteil habe ich geschrieben, daß nämlich Forschung und Aneignung beide von gesondertem Wert sind und nicht eines über dem anderen steht.
Womit diese Diskussion ihren Anfang nahm, das war meine Beobachtung, daß bei Marx die Tendenz besteht, geschichtliche Bewegungen allein auf ökonomische Ursachen zurückzuführen. Es gibt etliche Stellen, an denen er das klar so zu Ausdruck bringt. Eine davon, die berühmteste, habe ich zitiert.
Gegen diese Beobachtung hast du in der Tat nicht eine Gegenstelle gebracht. Vielmehr berühren die Stellen, die du angeführt hast, das Problem nur am Rand, und zeigen überdies, daß Marx so entschieden in der Frage dann letztlich doch nicht war (insofern nämlich keine weitere Stelle am Sinn einer anderen etwas ändert und somit höchstens beweist, daß der Verfasser sich widerspricht). Eine Stelle, die du aber hättest anführen müssen, um dich direkt auf meine Beobachtung zu beziehen, hätte etwa folgenden Inhalt haben müssen: Der Überbau (als Gesamt der gesellschaflichen Institutionen und Verhältnisse) kann selbst zur Ursache von Produktionsverhältnissen werden. - Eine solche Stelle hast du nicht beigebracht. Stattdessen zitierst du aus früheren Schriften, in denen Marx seine Methode der politischen Ökonomie und damit auch das ganze Modell von Überbau und Basis, auf das allein meine Aussagen bezogen waren, noch gar nicht bei der Hand hatte, ferner aus primär politischen Schriften, in denen nicht Untersuchungen der bereits vorhandenen Geschichte angestellt, sondern Forderungen politischen Handelns für die Zukunft aufgestellt werden. In keiner dieser Schriften aber modifiziert Marx sein Basis-Überbau-Modell.
Betrachtet man hingegen die theoretischen Äußerungen seiner klassischen Periode, so findet sich immer nur dasselbe Modell von Basis und Überbau, das unbestreitbar von einem einseitigen Abhängigkeitsverhältnis ausgeht. Hierzu habe ich dir die entscheidende Referenzstelle genannt. Darin steht wortwörtlich, daß sich der Überbau auf der Basis erhebt (von einer wechselseitigen Abhängigkeit oder gar der Möglichkeit, der Überbau könnte Basisverhältnisse hervorbringen, ist nicht die Rede), und es steht ferner wortwörtlich, daß die Verhältnisse den Menschen bestimmen und nicht der Mensch die Verhältnisse. Dieser Term ist ausschließend formuliert. Was den Menschen, steht da weiter, bleibt, das ist, den ökonomischen Widerspruch zu erkennen und ihn auszufechten. Der Mensch kann demnach an den Verhältnissen nur das bewirken, was diese ohnehin an sich selbst bewirken. Das alles ist, sofern man nicht irgendetwas hinzudichtet, ein ganz klares Ursache-Wirkungs-Modell. Alles, was auf die Basis wirkt, ist letztlich nichts weiter als die Basis selbst. Und wohlgemerkt: Hier ist nicht davon die Rede, daß der Überbau auf die Basis wirkt, sondern der Mensch tut es, wenn die Verhältnisse ihn zwingen, mittels der Revolution. Die Revolution aber ist kein Element des Überbaus, sondern, wenn überhaupt in diesem Modell zu betrachten, dann als Negation des Überbaus.
Ich führe das näher aus, also stelle ich die Frage: Wie könnte man sich vorstellen, daß Marx, auf jenen Widerspruch angesprochen, den wir zuletzt beim Wickel hatten, geantwortet hätte? Vielleicht so: Der Überbau wird hervorgebracht durch die Basis. Die Basis ist das Primäre, das, was die geschichtliche Bewegung erzeugt (als rein ökonomischer Widerspruch zwischen PK und PV). Der Mensch mit seinem Bewußtsein hat an ihr insoweit Anteil, als er den Konflikt erkennt und ausfechtet. Er tut dies aber nicht aus freien Stücken, sondern wird durch die ökonomischen Verhältnisse dazu getrieben. Das nennt man Revolution. Es ist im Fall der Revolution aber gerade nicht der Überbau, der auf die Basis zurückwirkt, sondern die Negation des Überbaus. Die Revolution ist nicht Teil der Gesetze, Verhältnisse und Institutionen, die die gesellschaftliche Basis hervorgebracht hat, sondern gerade deren Aufhebung. Die Revolution ist keine Instituion und kein Rechtsverhältnis, sondern ein ökonomisch erzeugter Akt, der Insititutionen und Rechtsverhältnisse zerstört. Bevor nämlich die Revolution die Basis angreifen kann, zerstört sie deren Überbau (Gesetze, Staatsgewalt etc.).
Ich will das, wie gesagt, nicht selbst so vertreten. Die Überlegung diente dem Zweck, verständlich zu machen, warum Marx einerseits von der Möglichkeit einer Änderung der Verhältnisse ausgeht, zum anderen aber das Basis-Überbau-Modell in der Strenge vertritt, die seine wörtliche Formulierung nahelegt. Marx schreibt eben nicht: "Es ist nicht allein das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern auch umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt", sondern er schreibt ziemlich bestimmt und ausschließend: "Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt". - Da gibt es nun wirklich nicht geringsten Raum, das irgendwie anders zu verstehen, als Marx es formuliert hat.
Und da schlägst du nun also vor, diese Stelle so zu lesen, daß ihr ein exakt entgegengesetzter Sinn unterstellt würde. Exakt dem entgegengesetzt, was dort wörtlich steht. Wie soll das zu verstehen sein? Hat Marx also nicht so richtig gewußt, was er dort unmißverständlich niedergeschrieben hat. Hat er an dieser wichtigen Stelle, wo er nichts geringeres tut, als die Grundlage seiner Theorie zur politischen Ökonomie dazustellen, einfachen diesen einen, ganz wesentlichen Punkt vergessen? Natürlich hast du recht, wenn du darauf hinweist, daß die Stelle, so gelesen, wie sie dasteht, durchaus anfechtbar ist. Aber deswegen kann man doch nicht so tun, als ob nicht dastünde, was dasteht.
Soviel zur Sache. Da wir nun beide unsere Positionen klargemacht haben, kann die Diskussion hier als abgeschlossen gelten. Ich kann damit leben, auch mit deinen Einwänden. Du mit meinen auch? Ein jeder mag entscheiden, zu welcher Methode er mehr neigt: zu deiner oder zu meiner. Ich bin da, wie gesagt, nicht überzeugt, daß die eine über der anderen steht. Ich verhehle aber auch nicht, daß ich bemerke, daß du zu einem bei Dogmatikern üblichen Mittel greifst: dem Schwingen der Revisionismus-Keule, indem du mir nämlich vorwirfst, Marx zu "entstellen". Ich bin nicht unbedingt der Meinung, daß du ein Dogmatiker bist, aber genau deswegen solltest du solche Dinge auch lassen.
_________________ Der Hunsch wars!
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