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Diskussionen über sozialistische Geschichte, Gegenwart und Zukunft
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 Betreff des Beitrags: Re: Stalins Erklärung für die Ursachen des 2. Weltkriegs
BeitragVerfasst: Mi 17. Jun 2009, 19:52 
Literat

Beiträge: 2915
Leugnen ist vielleicht das falsche Wort. Was ich in der Eile nicht richtig getroffen, aber - wie an meinen anderen Beiträgen abzulesen - gemeint habe, ist, daß Marx an den Stellen, wo er auf geschichtliche Bewegungen zu sprechen kommt, d.h. die Theorie des historischen Materialismus beschreibt (und es ist hiebei wichtig, vor allem auf die Schriften zur Politischen Ökonomie zu schauen, weil die von ihm als erstrangig betrachtet wurden), daß er dort, wo er grundsätzlich wird, stets dasselbe Verhältnis beschreibt, bei dem immer die Ökonomie die Ursache und die Politik die Folge dieser Ursache ist und von einer Rückwirkung im mindesten nicht die Rede ist.

Nehmen wir doch jene prominenteste Stelle, auf die ich schon hingewiesen habe. Wichtig ist das deshalb, weil Marx hier eine Zusammenfassung seiner Theorie geschichtlicher Bewegungen gibt. Es ist also nicht irgendeine Stelle, sondern in der Tat eine Stelle, an der man nichts Wesentliches auslassen darf:

Zitat:
In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten. Sowenig man das, was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewußtsein beurteilen, sondern muß vielmehr dies Bewußtsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären.


Diese ganze Stelle ist aus einem Guß. Die logische Bewegung geht hier nur in eine Richtung: von der Basis zum Überbau, und nicht zurück. Marx betont sogar eigens, daß die andere Richtung ausgeschlossen ist: "Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt."

Es gibt andere, ähnliche Stellen, an denen er betont, daß geschichtliche Bewegung allein aus dem Widerspruch von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen entsteht. Auch beim früheren Marx schon. Ich habe nicht die Zeit, das jetzt alles zusammenzusuchen; ich muß mich auf meine Erinnerung verlassen. Aber wichtig ist eben, daß man diesen Widerspruch nicht einfach wegwischt. Wenn ein Denker an einer Stelle etwas sagt, das er anderswo kategorisch ausschließt, dann muß man das als widersprüchlich zur Kenntnis nehmen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Stalins Erklärung für die Ursachen des 2. Weltkriegs
BeitragVerfasst: Do 18. Jun 2009, 08:25 

Beiträge: 105
Eigentlich zeigt doch der Absatz, daß es eine Rückwirkung gibt.

Der Satz: "Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt." bezieht sich auf die Gattung Mensch, nur bedingt auf die Individuen. Darauf hat Marx schließlich an anderen Stellen immer wieder hingewiesen.
Aus dem Rest ist zu schließen, wenn eine Gesellschaft in Klassen gespalten ist, eine Klasse noch die Vorherrschaft und damit auch die politische Macht hat, die ökonomischen Bedingungen sich aber soweit geändert haben, daß die aufstrebende Klasse in der Gesellschaft zwar ökonomisch dominiert, aber weiterhin in der Entwicklung gehemmt wird, wird dies zunehmend als Fessel wahrgenommen. Da der Mensch nun in seinem Kopf sich Abbilder der Wirklichkeit schafft, schafft er sich nun auch Abbilder von der ökonomischen Wirklichkeit. Der Klassenkampf ist deshalb immer auch politischer Kampf. Wenn nun die aufstrebende Klasse zur politischen Macht gelangt ist, wird sie ihre Macht dazu benutzen, um die Wirtschaft von den Fesseln zu befreien.

Ich denke nicht, daß Marx in dieser Hinsicht widersprüchlich ist. Ich denke nur, daß Du in Marx etwas hineininterpretierst, was definitiv nicht drin ist.

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 Betreff des Beitrags: Re: Stalins Erklärung für die Ursachen des 2. Weltkriegs
BeitragVerfasst: Do 18. Jun 2009, 08:37 
Literat

Beiträge: 2915
Naja, ich lasse diese Exegese mal unkommentiert. Ich denke, es ist in diesem Fall ganz klar, wer von uns etwas in den Text hineinliest, das da so nicht drinsteht, und wer sich an den Wortlaut hält.

Ein Gedanke, den ich dir anbieten kann, ist dieser: Unsere Meinungsverschiedenheit gründet sich auf einem unterschiedlichen Verhältnis zum Gegenstand, einer unterschiedlichen Haltung. Du trittst mit den Schriften in ein Aneignungsverhältnis (Aneignung im Sinne der Marxschen Terminologie), ich gehe an sie eher als Forscher ran. Beide Haltungen sind wichtig - der Aneigner fragt nach der Brauchbarkeit des Sinns, geht über die Widersprüche eher hinweg und denkt das Konzept, das er sich aneignet, weiter. Auf die Weise kann, wenn er gut arbeitet, in der Tat etwas Brauchbares entstehen, aber der Gegenstand ist danach ein anderer. Der Forscher hingegen darf nicht den Gegenstand anrühren, ihn interessiert der Gegenstand in seiner genauen Beschaffenheit, mit all seinen Widersprüchen, Ecken und Kanten. Beides, wie gesagt, ist wichtig. Es kommt dabei ganz auf den Zweck an, den man verfolgt.

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 Betreff des Beitrags: Re: Stalins Erklärung für die Ursachen des 2. Weltkriegs
BeitragVerfasst: Do 18. Jun 2009, 09:13 

Beiträge: 105
Vielleicht solltest Du nicht so in den Himmel blicken, wenn man nämlich die Nase so hoch trägt, ...

Ich habe ein Textzitat aus dem 18. Brumaire gebracht, daß gezeigt hat, daß das menschliche Denken nicht unbedingt von der Ökonomie abhängt, aber das Denken im Sinne bestimmter ökonomischer Klassen wirken kann.

Ich habe die Thesen über Feuerbach zitiert, die klar belegen, Marx nahm an, daß sich der Mensch Abbilder der Wirklichkeit schafft und jede Umwälzung durch praktische Tätigkeit stattfindet.

Ich habe das Manifest zitiert, wo klar herauskommt, daß Marx der Meinung war, daß jede Umwälzung praktische Tätigkeit ist und bei einer Revolution eine Klasse die politische Macht erobert, um in ihrem Interesse die Ökonomie zu verändern.

Du wischt mit einen Handstreich alle diese Argumente vom Tisch, ohne jemals darauf eingegangen zu sein. Du beantwortest nicht die Frage, welche Rolle die Politik bei Marx spielte. Wenn er nämlich der Meinung wäre, die Politik wäre nur abhängig von der Ökonomie, dann hätte er sicherlich nicht Forderungen aufgestellt, die auf Umgestaltung der Gesellschaft hinauslaufen. Warum hat er wohl die Forderung aufgestellt "Proletarier aller Länder vereinigt euch", wenn er nicht angenommen hätte, daß das Zusammenwirken der Proletarier etwas in ihrem Sinne bringt?

Fragen über Fragen, aber Du kommst arrogant an und stellst deinen "Forschergeist" in den Fordergrund, der in dieser Frage überhaupt nichts sinnvolles zutage gebracht hat. Du wertest andere ab - wohl nur, um deine Unsicherheit zu bemänteln und zu bemänteln, daß Du dabei bist, Marx vollkommen zu entstellen. Wer sich nur an die Buchstaben klammert, aber keine Zusammenhänge sieht, wird wohl kaum etwas zum Verständnis betragen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Stalins Erklärung für die Ursachen des 2. Weltkriegs
BeitragVerfasst: Do 18. Jun 2009, 09:57 
Literat

Beiträge: 2915
Ruhig Blut, hier wird keiner erschossen. Und wenn du beim Lesen auch meiner Texte etwas mehr Sorgfalt hättest walten lassen, könntest du mir nicht unterstellen, daß ich deine Herangehensweise abwerte. Gerade das Gegenteil habe ich geschrieben, daß nämlich Forschung und Aneignung beide von gesondertem Wert sind und nicht eines über dem anderen steht.

Womit diese Diskussion ihren Anfang nahm, das war meine Beobachtung, daß bei Marx die Tendenz besteht, geschichtliche Bewegungen allein auf ökonomische Ursachen zurückzuführen. Es gibt etliche Stellen, an denen er das klar so zu Ausdruck bringt. Eine davon, die berühmteste, habe ich zitiert.

Gegen diese Beobachtung hast du in der Tat nicht eine Gegenstelle gebracht. Vielmehr berühren die Stellen, die du angeführt hast, das Problem nur am Rand, und zeigen überdies, daß Marx so entschieden in der Frage dann letztlich doch nicht war (insofern nämlich keine weitere Stelle am Sinn einer anderen etwas ändert und somit höchstens beweist, daß der Verfasser sich widerspricht). Eine Stelle, die du aber hättest anführen müssen, um dich direkt auf meine Beobachtung zu beziehen, hätte etwa folgenden Inhalt haben müssen: Der Überbau (als Gesamt der gesellschaflichen Institutionen und Verhältnisse) kann selbst zur Ursache von Produktionsverhältnissen werden. - Eine solche Stelle hast du nicht beigebracht. Stattdessen zitierst du aus früheren Schriften, in denen Marx seine Methode der politischen Ökonomie und damit auch das ganze Modell von Überbau und Basis, auf das allein meine Aussagen bezogen waren, noch gar nicht bei der Hand hatte, ferner aus primär politischen Schriften, in denen nicht Untersuchungen der bereits vorhandenen Geschichte angestellt, sondern Forderungen politischen Handelns für die Zukunft aufgestellt werden. In keiner dieser Schriften aber modifiziert Marx sein Basis-Überbau-Modell.

Betrachtet man hingegen die theoretischen Äußerungen seiner klassischen Periode, so findet sich immer nur dasselbe Modell von Basis und Überbau, das unbestreitbar von einem einseitigen Abhängigkeitsverhältnis ausgeht. Hierzu habe ich dir die entscheidende Referenzstelle genannt. Darin steht wortwörtlich, daß sich der Überbau auf der Basis erhebt (von einer wechselseitigen Abhängigkeit oder gar der Möglichkeit, der Überbau könnte Basisverhältnisse hervorbringen, ist nicht die Rede), und es steht ferner wortwörtlich, daß die Verhältnisse den Menschen bestimmen und nicht der Mensch die Verhältnisse. Dieser Term ist ausschließend formuliert. Was den Menschen, steht da weiter, bleibt, das ist, den ökonomischen Widerspruch zu erkennen und ihn auszufechten. Der Mensch kann demnach an den Verhältnissen nur das bewirken, was diese ohnehin an sich selbst bewirken. Das alles ist, sofern man nicht irgendetwas hinzudichtet, ein ganz klares Ursache-Wirkungs-Modell. Alles, was auf die Basis wirkt, ist letztlich nichts weiter als die Basis selbst. Und wohlgemerkt: Hier ist nicht davon die Rede, daß der Überbau auf die Basis wirkt, sondern der Mensch tut es, wenn die Verhältnisse ihn zwingen, mittels der Revolution. Die Revolution aber ist kein Element des Überbaus, sondern, wenn überhaupt in diesem Modell zu betrachten, dann als Negation des Überbaus.

Ich führe das näher aus, also stelle ich die Frage: Wie könnte man sich vorstellen, daß Marx, auf jenen Widerspruch angesprochen, den wir zuletzt beim Wickel hatten, geantwortet hätte? Vielleicht so: Der Überbau wird hervorgebracht durch die Basis. Die Basis ist das Primäre, das, was die geschichtliche Bewegung erzeugt (als rein ökonomischer Widerspruch zwischen PK und PV). Der Mensch mit seinem Bewußtsein hat an ihr insoweit Anteil, als er den Konflikt erkennt und ausfechtet. Er tut dies aber nicht aus freien Stücken, sondern wird durch die ökonomischen Verhältnisse dazu getrieben. Das nennt man Revolution. Es ist im Fall der Revolution aber gerade nicht der Überbau, der auf die Basis zurückwirkt, sondern die Negation des Überbaus. Die Revolution ist nicht Teil der Gesetze, Verhältnisse und Institutionen, die die gesellschaftliche Basis hervorgebracht hat, sondern gerade deren Aufhebung. Die Revolution ist keine Instituion und kein Rechtsverhältnis, sondern ein ökonomisch erzeugter Akt, der Insititutionen und Rechtsverhältnisse zerstört. Bevor nämlich die Revolution die Basis angreifen kann, zerstört sie deren Überbau (Gesetze, Staatsgewalt etc.).

Ich will das, wie gesagt, nicht selbst so vertreten. Die Überlegung diente dem Zweck, verständlich zu machen, warum Marx einerseits von der Möglichkeit einer Änderung der Verhältnisse ausgeht, zum anderen aber das Basis-Überbau-Modell in der Strenge vertritt, die seine wörtliche Formulierung nahelegt. Marx schreibt eben nicht: "Es ist nicht allein das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern auch umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt", sondern er schreibt ziemlich bestimmt und ausschließend: "Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt". - Da gibt es nun wirklich nicht geringsten Raum, das irgendwie anders zu verstehen, als Marx es formuliert hat.

Und da schlägst du nun also vor, diese Stelle so zu lesen, daß ihr ein exakt entgegengesetzter Sinn unterstellt würde. Exakt dem entgegengesetzt, was dort wörtlich steht. Wie soll das zu verstehen sein? Hat Marx also nicht so richtig gewußt, was er dort unmißverständlich niedergeschrieben hat. Hat er an dieser wichtigen Stelle, wo er nichts geringeres tut, als die Grundlage seiner Theorie zur politischen Ökonomie dazustellen, einfachen diesen einen, ganz wesentlichen Punkt vergessen? Natürlich hast du recht, wenn du darauf hinweist, daß die Stelle, so gelesen, wie sie dasteht, durchaus anfechtbar ist. Aber deswegen kann man doch nicht so tun, als ob nicht dastünde, was dasteht.

Soviel zur Sache. Da wir nun beide unsere Positionen klargemacht haben, kann die Diskussion hier als abgeschlossen gelten. Ich kann damit leben, auch mit deinen Einwänden. Du mit meinen auch? Ein jeder mag entscheiden, zu welcher Methode er mehr neigt: zu deiner oder zu meiner. Ich bin da, wie gesagt, nicht überzeugt, daß die eine über der anderen steht. Ich verhehle aber auch nicht, daß ich bemerke, daß du zu einem bei Dogmatikern üblichen Mittel greifst: dem Schwingen der Revisionismus-Keule, indem du mir nämlich vorwirfst, Marx zu "entstellen". Ich bin nicht unbedingt der Meinung, daß du ein Dogmatiker bist, aber genau deswegen solltest du solche Dinge auch lassen.

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